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7 Dinge, die ich über das Lernen gelernt habe – meine Erkenntnisse aus dem Bildungskongress

Im November 2014 stieß ich auf einen für mich ganz besonderen Blogartikel. Auf den Artikel wurde ich nur durch Zufall aufmerksam (bis dato war mir die Existenz von Blogs abseits von Online-Tagebüchern nicht bewusst), und doch sollte dieser Artikel meine komplette Denkweise verändern.

In dem Artikel ging es um die Lügen des Bildungssystems. Eine Sache, über die ich, einige Jahre nach meinem Abi, nicht einen Gedanken verschwendet hatte. Mit jedem Wort fiel das Gerüst unserer Gesellschaft vor meinen Augen zusammen.

Wieso hat mich das jetzt verändert?

Ganz einfach: Weil alles zusammenhängt.

Nachdem wir bewusst geworden ist, wie überholt unser Bildungssystem ist, fielen mir beinahe schlagartig andere Macken unserer Gesellschaft ins Auge.

Warum gebe ich mein Kind in die Kita, um arbeiten zu gehen, um die Kita zu bezahlen? Warum bereite ich mich auf einen Job vor, von dem ich weiß, dass er mich nicht erfüllt? Und wieso solle ich diesen Job 40 Jahre lang 40 Stunden in der Woche nachgehen, mit nur minimalen Urlaubstagen? Warum ist Gewinnmaximierung wichtiger als Qualität, Nachhaltigkeit oder gar Gesundheit der Konsumenten? Und wieso werden überhaupt leere Shampooflaschen aus Plastik recyclet oder verbrannt anstatt sie einfach wiederzubefüllen?

Nach und nach, Schritt für Schritt, geriet meine bis dahin als sicher geglaubte Welt ins Wanken. Dieser Artikel war nur der allererste kleine Schritt.

Seit dem lese ich mit Begeisterung Blogs zu verschiedenen Themen und gerate immer wieder ins Philosophieren. Verrückt, was ein kleiner Artikel über Bildung alles auslösen kann, oder? Ich habe gemerkt, wie alles in der Welt zusammenhängt.

Wenn man einmal anfängt, sich mit Bildung zu beschäftigen, so kann man nicht so schnell wieder aufhören. Alles hängt irgendwie mit Bildung zusammen. Denn durch diesen und weiterführende Artikel bin ich nicht nur auf einige Denkfehler unseres Schulsystems gestoßen, sondern habe ich die Bewegung der digitalen Nomaden kennengelernt, habe das erste Mal von unerzogen gehört, habe neue Wege des Selbstmanagements für mich entdeckt und habe einen gesünderen Lebensstil begonnen. Wahnsinn! Ich fange an, Dinge zu hinterfragen, die ich bisher mein Leben lang als selbstverständlich angenommen hatte.

Es gibt viele tolle Menschen, die sich um Aufklärung über Bildung im Allgemeinen, das Schulsystem und das freie Lernen bemühen. Lena vom freilern-blog hat dazu den ersten Online-Bildungskongress* ins Leben gerufen, der Ende März stattfand.

Auch beim Bildungskongress habe ich gemerkt, dass es um weit mehr geht, als nur das Bildungssystem zu reformieren (wie ich anfangs dachte). Gezeigt wurden so viele spannende Interviews mit Schulabbrechern, weltreisenden Familien, Online-Unternehmern, alternativen Studenten, Müttern, die unerzogenen mit ihren Kindern leben, Psychologen und Familiencoaches. Ihr merkt schon, das Spektrum des Kongresses war enorm! Das merkt man ja auch alleine schon am Untertitel. „Selbstbestimmt leben, lernen, arbeiten“

Das ganze Thema interessiert mich brennend. Zwar haben wir noch drei Jahre bis unser Sohn schulpflichtig wird, dennoch merke ich jetzt schon immer mehr, dass ich ein schlechtes Gefühl habe, wenn ich an seine bevorstehende Schulzeit denke – und das nicht nur, weil wir dann zum Reisen an die Ferien gebunden sind (was aber definitiv auch ein riesen Nachteil darstellt).

Mit vielen Themen, die während des Bildungskongresses angesprochen wurden, habe ich mich im Laufe meiner Entwicklung schon näher oder am Rande beschäftigt. Viele andere Themen waren jedoch auch komplett neu für mich.

Nichtsdestotrotz gab es einige Aha-Momente während des Schauens der vielen Videos. In einigen Punkten wurde mein bisher diffuses Bauchgefühl durch Experten bestätigt.

[Anmerkung: Dieser Artikel spiegelt lediglich meine eigene (derzeitige) Meinung wider und beschreibt, was ich aus dem Bildungskongress für mich mitnehmen konnte und wie ich das Gelernte für mich und meine Familie interpretiere. Ich möchte hier niemandem auf die Füße treten, sagen, dass sein Erziehungsstil schlecht ist, die Schule generell verbannen oder was auch immer.]

 

1. Jeder Mensch lernt anders.

Jeder Mensch ist einzigartig. Das heißt, jeder Mensch ist auch anders als die Menschen um ihn herum. In der Schule durchlaufen alle Kinder das gleiche Schema, mit der Erwartung, dass sie dadurch auch das Gleiche lernen (können). Für einige Kinder mag das Schulsystem passen, so wie es ist. Andere Kinder fühlen sich in der Schule jedoch nicht wohl und wollen lieber freier und selbstbestimmter lernen. Wieder Andere lernen vielleicht besser in einer Gruppe aus Menschen, die die gleichen Interessen haben, wie sie. Es gibt auch Kinder, die sich Dinge, die sie interessieren, lieber praktisch zeigen lassen und mitarbeiten wollen, anstatt sie in der Theorie im Klassenzimmer zu lernen. Bei Erwachsenen akzeptieren Menschen viel eher, dass sie andere Bedürfnisse haben, als bei Kindern.

[So ging es auch beim kompletten Kongress nicht darum, die Schule abschaffen zu wollen, sondern darum, eine Wahlmöglichkeit für Kinder und Eltern zu schaffen, so dass jeder so lernen kann, wie es für ihn am besten passt.]

 

2. Menschen lernen selbstständig.

Jeder Mensch möchte lernen. Vor allem Kinder lernen ständig. Man kann Kinder überhaupt nicht davon abhalten zu lernen, denn alles, was sie machen, ist lernen. Ein kleines Baby lernt, indem es seine Umgebung beobachtet. Kleinkinder lernen laufen und sprechen, ohne dass wir es ihnen beibringen müssten, einfach durch Nachahmung und Ausprobieren. Das selbstständige Lernen ist nicht begrenzt auf die ersten Lebensjahre, sondern hält ein Leben lang an – wenn dem Menschen die Möglichkeit gegeben wird, sich selbst zu entfalten. Denn selbstständig lernen kann nur jemand, der freiwillig lernt und selbst bestimmt, wann, wo und vor allem was er lernen möchte.  

In der Schule sind Kinder jedoch oft gezwungen, Inhalte, die sie nicht verstanden haben, intensiver zu lernen, damit sie noch eine gute Note bekommen. Dadurch fehlt am Ende die Zeit für das Fokussieren auf Dinge, die die Kinder interessieren (denn diese können sie ja schon im Sinne einer guten Note), wodurch auf lange Sicht Talente verkümmern können und Unzufriedenheit entsteht.

 

3. Erwachsene können Kindern nicht alles beibringen, was sie für ihr späteres Leben brauchen.

Als ich in der Schule war, hat mir kein Erwachsener beigebracht, wie ich das Internet richtig gebrauche. Wie auch? Das Internet als Etwas, das jedem Menschen freisteht, gab es zu Beginn meiner Schullaufbahn noch gar nicht. So verhält es sich nicht nur mit technischem Fortschritt, sondern auch in vielen anderen Bereichen. Viele Kinder werden Berufe ergreifen, die es heute noch gar nicht gibt. Wir Erwachsenen können unsere Kinder darauf also auch nicht vorbereiten. Viele der heutigen Lehrer und auch ältere Menschen sind wortwörtlich noch „von der alten Schule“ und hängen der Moderne mehr nach als die Kinder und Jugendlichen.

4. Kinder können selbst entscheiden und zeigen, was gut für sie ist und was nicht

Selbst sehr kleine Kinder haben schon ein relativ gutes Gespür für sich selbst und für ihren Körper. Daher können sie auch bei vielen Dingen schon alleine entscheiden, ob etwas gut für sie ist oder nicht [das gilt jedoch nicht für Tätigkeiten, die erst in ihrer Langzeitwirkung gut sind, wie z. B. Zähneputzen – so weit können kleine Kinder i. d. R. noch nicht weiterdenken]. Aber ein kleines Kind merkt sehr wohl, ob es gerade hungrig oder müde ist. Es muss weder zum Essen noch zum Schlafen gezwungen werden. So gibt es auch keine „guten bzw. schlechten Esser“. Denn jedes Kind isst genau so viel, wie es gut für es ist.

Wichtig für uns Erwachsene ist jedoch, dass die Kinder ihre Bedürfnisse zwar selbst wahrnehmen, diese jedoch (je nach Alter und Reife) noch nicht selbstständig erfüllen können. Sie bedürfen also der Hilfe von uns Erwachsenen.

Meine 5 Monate alte Tochter kann mir bspw. zeigen, wann sie Hunger hat, indem sie an meinem T-Shirt zieht oder mich schmatzend anguckt. Ich erkenne ihr Bedürfnis, bevor sie weinen muss, und kann schnell darauf eingehen. Genauso hat sie uns von sich aus gezeigt, dass sie reif für den Beikoststart ist, indem sie immer wieder ganz aufgeregt wurde, wenn alle anderen Familienmitglieder zusammen am Tisch gegessen haben und einige Male versucht hat, das Essen von unseren Tellern zu greifen. Nun bekommt sie bei jedem Essen ein kleines Stückchen Paprika oder Gurke, an dem sie erstmal nuckeln kann, und ist glücklich.

5. Erziehung und Bewertung sind Gewalt.

Huch, das ist eine große Behauptung, die ich hier mache. Es geht dabei nicht um körperliche Gewalt,  sondern vielmehr darum, dass Erziehung den Sinn hat, von einem Stärkeren [Eltern, Lehrer, generell Erwachsene] einen Schwächeren nach deren Vorstellung zu formen. Meist geschieht diese Formung durch Bestrafungen und Belohnungen bzw. Schimpfen und Loben. Diese Formen der Erziehung zeigen meist recht kurzfristig ihre Wirkungen, machen jedoch auf lange Sicht die Beziehung zwischen Eltern und Kindern kaputt. Eine andere Herangehensweise stellt „Unerzogen“ dar. Seine Kinder unerzogen aufwachsen zu lassen, bedeutet schlicht, auf eine bewusste Formung der Kinder zu verzichten und stattdessen in Beziehung zu ihnen zu gehen. Dabei sind häufig kreative Lösungen für Alltagsprobleme gefragt.

Ein kleines Beispiel aus unserem Alltag: Wie wahrscheinlich viele andere 2-Jährigen auch war unser Sohn kein großer Fan vom Zähneputzen und es artete oft aus. Statt ihn zu schimpfen, dass er doch Zähneputzen solle, ihn nach erfolgreichem Zähneputzen eine Belohnung zu versprechen, ihm zu erklären, wie wichtig Zähneputzen für seine spätere Gesundheit ist oder ihn gar festzuhalten und mit Gewalt zum Zähneputzen zu zwingen, haben wir nun eine neue Methode entwickelt: Die Zahnbürste ist ein Zug und die Zähne sind die Schienen. So simpel. Je nach Laune ist die Zahnbürste mal ein grüner Zug, ein gelbes Tütata oder ein roter Bus. Meist brauchen wir ein paar Anläufe, bis wir die richtige Kombination abgefragt haben, aber dann rennt das Kind freudestrahlend ins Bad.

Dass auch ungefragte Bewertung Gewalt sein soll, klingt nun wirklich seltsam und ich musste auch erst mehrere Tage darüber nachdenken. Aber irgendwie doch. Durch Bewertung bevormunden wir einen anderen Menschen. Der Bewertende stellt sich über den zu Bewertenden und urteilt ungefragt über diesen. Wenn ein Mensch weiß, dass er für etwas bewertet werden wird, wird er seine Aufgabe vor allem so erledigen, dass der Bewerter zufrieden damit ist, nicht er selbst. Der Mensch wird also durch die Bewertung in eine Richtung geformt, in die er sich unter anderen Umständen vielleicht nicht selbstständig entwickelt hätte.

 

6. Erwachsene können Kindern keine Grenzen setzen. 

„Du musst deinem Kind zeigen, wo die Grenzen sind.“, ist ein sehr häufig gehörter Satz. Dabei kann ich weder meinem Kind noch einem anderen Lebewesen seine Grenzen setzen – das kann es nur selbst. Ich kann lediglich für mich selbst meine eigenen Grenzen setzen und diese dann auch kommunizieren. Eine Grenze ist allerdings kein starres Konstrukt. Verschiedene Menschen haben verschiedene Grenzen und sogar die Grenzen jedes Menschen sind je nach Laune, Gemütszustand und äußeren Umständen verschieden.

Oft funktioniert es in der klassischen Erziehung so, dass das Kind eine vermeintliche Grenze übertritt und die Eltern infolgedessen die Grenze des Kindes überschreiten (das Kind steigt z. B. auf den Tisch, wird daraufhin geschimpft und mit Gewalt wieder heruntergehoben). Als Folge lernt das Kind bei Problemen die Grenze des Schwächeren zu überschreiten, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen.

Wenn ein Kind zeigt, dass seine Grenze gerade durch das Verhalten eines Erwachsenen überschritten wird (durch das Wegschlagen der Hand oder ganz simpel, wenn es nein sagt), zeigt es Autonomie. Wird das Nein jedoch nicht wahrgenommen, denken Kinder schnell, mit ihnen stimme etwas nicht, und ihre Autonomie geht kaputt.

 

7. Kindliches Verhalten macht Sinn – auch „schlechtes Verhalten“

Jedes Kind möchte kooperieren, dazu muss es allerdings ernstgenommen werden. Es möchte als eigenständige Person gehört, gesehen und wahrgenommen werden. Wenn sich Kinder in dieser Hinsicht missachtet fühlen, können sie dies meist noch nicht kommunizieren, sondern legen stattdessen „schlechtes Verhalten“ an den Tag. Dass dieses Verhalten für die Kinder durchaus Sinn macht, ist für einen Erwachsenen vielleicht erst einmal schwer nachzuvollziehen. Es hilft, sich zu fragen, welches Bedürfnis hinter dem Verhalten des Kindes steckt. 

Meine Erkenntnisse versuche ich so gut wie es geht in unseren Alltag einfließen zu lassen, was jedoch nicht immer ganz einfach ist. Oft bin ich noch so festgefahren in meinen alten Handlungsmustern, vor allem gegenüber meinem Sohn. Leider haben wir gerade seit der Geburt unserer Tochter einige Probleme mit ihm. Er ist oft unausgeglichen und macht absichtlich Sachen, von denen er ganz genau weiß, dass sie uns nerven. Es ist nicht immer einfach, ruhig zu bleiben, wenn er gerade die Wand anmalt oder mit dem Essen um sich wirft. Jedoch habe ich mittlerweile erkannt, dass er dies eben nicht macht, um uns zu nerven, sondern um mehr Aufmerksamkeit von uns zu bekommen, wenn wir gerade wieder zu sehr mit unserer Tochter beschäftigt sind und zu wenig mit ihm.

 

Aufgrund meiner Erkenntnisse aus dem Bildungskongress habe ich mir vorgenommen, ruhiger und gelassener mit meinem Sohn umzugehen und ihn mehr in den Familienalltag und auch die Babypflege mit einzubeziehen. Ich möchte die Bedürfnisse meiner Kinder wahrnehmen und sie in ihrer Persönlichkeit stärken. Sie sollen sich selbstbestimmt entwickeln können, aber trotzdem wissen, dass ich für sie da bin und ihnen helfe, wenn sie meine Hilfe benötigen.

Ich glaube jedenfalls, dass meine Kinder wunderbar alles lernen können, was sie möchten, solange sie die Autonomie bewahren dürfen und die Sicherheit haben, dass sie dies tun dürfen und die Familie sie dabei unterstützt. 

Über die Ergebnisse berichte ich gerne zu gegebener Zeit hier im Blog! 🙂

 

Wenn du Interesse bekommen hast, die Videos aus dem Bildungskongress anzugucken, kannst du dir unter diesem Link noch das Kongresspaket kaufen.

Videos, die mich besonders zum Nachdenken angeregt haben, waren übrigens die Interviews mit Katia Saalfrank, Franziska Klingkit und Bertrand Stern.

 

Was konntest du aus dem Bildungskongress für dich mitnehmen? Konntest du deine Erkenntnisse schon in deinen familiären Alltag integrieren? Ich freue mich über deine Erfahrungen!

Christin

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