Neulich hatte sich spannender Besuch über die Plattform warmshowers.org bei uns angekündigt.

 

Über Warmshowers lassen sich ähnlich wie bei Couchsurfing Schlafplätzen bei Privatpersonen suchen, das Ganze ist allerdings limitiert auf Radreisende. Dort habe ich mich für unsere erste eigene Radtour mit Kind angemeldet.

 

Seitdem bekommen wir gelegentlich Besuch von anderen Radreisenden. Eine andere Familie war allerdings zuvor noch nie unter unseren Gästen.

 

So kam es, dass wir Besuch von Julia und Marius bekamen. Sie sind gerade gemeinsam mit Julias 5-jähriger Tochter Lorna auf dem Weg nach Spanien – und zwar mit dem Fahrrad!

 

Gestartet sind die drei in Braunschweig. Als sie zu uns nach Hannover kamen, waren sie gerade erst zwei Tage unterwegs.

 

Marius erzählte mir zunächst von einigen seiner vorherigen Radreisen, die er unternommen hatte, bevor er mit Julia zusammenkam.

 

Während ich mit Julia und Marius auf dem Sofa saß und sie zu ihrer weiteren Reise befragte, schlief Lorna bereits tief und fest auf einer Matratze vor dem Sofa – ein ganzer Tag mit viel Bewegung an der frischen Luft ist immer noch das beste Rezept für einen tiefen Schlaf bei jedem Kind!

 

Christin: Erzählt doch erst mal ein bisschen über euch. Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen eine gemeinsame Fahrradtour zu unternehmen?

 

Julia: Wir haben uns schon vor langer Zeit kennengelernt, aber wir haben uns dann wieder aus den Augen verloren.

 

Wir sind aber unabhängig voneinander immer viel gereist. Und jetzt, da wir wieder zusammengefunden haben, wollten wir zusammen gerne eine kleine Tour machen. Es war klar, dass wir viel reisen werden.

 

Wir wollten eigentlich erst nur eine kleine Tour machen, bevor Lorna in die Schule kommt, so drei bis vier Monate. Wir haben dann aber gerechnet und dachten, vielleicht können wir auch mehr Geld ansparen. Jetzt haben wir so viel gespart, dass wir ein Jahr wegfahren können.

 

Wir haben gesagt, das ist jetzt die letzte Chance, bevor Lorna in die Schule kommt.

 

Christin: Wohin wollt ihr während eurer Fahrradtour reisen?

 

Julia: Wir sind in Braunschweig gestartet und wollen jetzt nach Holland und dann durch Belgien über die Ardennen fahren, unsere erste Steigung.

 

Dann längs durch Frankreich und danach über die Pyrenäen nach Spanien. Dort wollen wir dann den Jakobsweg nach Portugal fahren.

 

Und in Portugal an der Küste entlang, wir wollen dann im Süden Portugals oder Spaniens überwintern. Dort wollen auf Farmen arbeiten, weil das für Lorna sehr gut passt, mit Tieren.

 

Danach wollen wir dann, wenn es so langsam im Rest von Europa wieder Frühling wird, nach England und Irland. Wir sind uns aber noch unschlüssig, ob wir fliegen oder noch einmal durch Frankreich fahren.

 

Christin: Wie sind eure Pläne für die Route und die Übernachtungen? Habt ihr das alles schon konkret durchgeplant oder macht ihr das spontan?

 

Julia: Wir haben unser Zelt dabei, die Option haben wir immer. Und es gibt ja auch gerade in Frankreich sehr sehr viele Campingplätze.

 

Marius hat damals auch viel wild gecampt, sogar ohne Zelt einfach irgendwo geschlafen. Das ist jetzt natürlich mit Kind ein bisschen anders, da wollen wir doch eine andere Sicherheit haben. Also mit Zelt und über Warmshowers wie jetzt bei euch.

 

Marius: Beim Campingplatz haben wir natürlich unser Zelt als unser Domizil, was unser Zuhause ist, wo man sich auch wohl fühlt.

 

Und bei den Leuten, bei denen wir  übernachten, ist es so, dass wir durch sie Insiderinformationen von den Leuten vor Ort haben. Das ist ganz schön.

 

Und wir treffen auch mal andere Leute, vielleicht auch Leute mit Kindern, was für Lorna toll wäre. Oder mit Tieren, was genauso toll wäre. Oder beides vielleicht.

 

So haben wir auch immer Abwechselung.

 

Die Erlebnisse sollen im Vordergrund stehen und nicht unbedingt die gefahrenen Kilometer oder wie viel Länder wir durchreist haben, sondern einfach, dass wir eine schöne Zeit haben.

 

Und im Endeffekt ist es auch egal, wo wir langkommen,

 

Hauptsache es ist nicht so kalt im Winter. Das ist das primäre Ziel und der Rest ergibt sich auf dem Weg.

 

Wir haben auch keine genaue Wegbeschreibung und keine genaue Planung bisher.

 

Sondern wir haben eine grobe Richtung, damit wir nicht umherirren, und wenn wir davon abkommen – egal aus welchem Grund – ist es völlig in Ordnung.

 

Julia: So hat sich die Routenplanung auch ergeben.

 

Wir haben überlegt, was wir mit Kind machen können. Wir hätten mit Sicherheit alleine etwas Exotischeres gemacht, vielleicht nach Asien.

 

Aber wir haben dann gedacht, mit Kind ist es doch vielleicht sicherer, wenn wir in Europa bleiben. Wenn wir wissen, wir können schnell wieder nach Hause. Und auch die medizinische Versorgung und das Essen ist alles nicht so fremd.

 

Und da wir jetzt „nur“ von August bis August reisen können, weil wir durch den Schulanfang limitiert sind, ist dieser lange Winter zwischendrin und wir mussten gucken, dass wir irgendwo hinkommen, wo wir nicht frieren. Deswegen fahren wir nach Spanien.

 

Marius, Julia und Lorna

Christin: Wie funktioniert eine Fahrradtour mit Kind?

 

Julia: Lorna hängt mit dem Nachläufer hinten dran, da kann sie mitstrampeln. Der Nachläufer hat auch eine Gangschaltung, also sie kann da auch variieren, dass sie gut treten kann.

 

Sie muss aber nicht. Wenn sie müde ist, kann sie auch einfach drauf sitzen, ohne zu treten.

 

Und wie du siehst, sie schläft ja überall gut.

 

Sie sagt dann auch wenn sie müde ist, auch auf dem Nachläufer.

 

„Ich muss mal!“, „Ich hab‘ Hunger!“, „Ich hab‘ Durst!“, da kommt ständig irgendeine Meldung und dann müssen wir anhalten. Und ansonsten macht sie alles mit.

 

Christin: Ist das eure erste große Tour zu dritt?

 

Julia: Ja, die erste Große. Wir sind letztes Jahr schon zwei Wochen gefahren, sozusagen auf Probetour.

 

Da hatten wir noch einen Followme, keinen Nachläufer. Das ist so ein Gestell, wo man ein komplettes Kinderrad reinhängt.

 

Wir hatten die Vorstellung, dass sie dann ja auch alleine fahren kann. Aber wir haben gemerkt, dass sie das nicht macht. Sie verliert ziemlich schnell die Lust, wenn sie alleine fahren soll, das ist ihr zu anstrengend.

 

Und deswegen haben wir uns jetzt für den Nachläufer entschieden, wo sie jetzt auch gar nicht selbst fahren kann. Aber weil wir eben gemerkt haben, dass das sowieso nicht so ihr Ding ist, passt es ganz gut.

 

Und außerdem braucht sie auch Gepäcktaschen und das wäre zu schwer, also damit könnte sie wahrscheinlich alleine auch nicht fahren.

 

Christin: Worauf freut sich Lorna am meisten, oder was macht ihr am meisten Spaß an der Reise?

 

Julia: Sie sagt gar nicht so viel dadrüber, auf was sie sich freut oder was sie schlecht findet, eigentlich macht sie einfach mit.

 

Aber ich denke, dass es ihr zu Gute kommt, dass wir so viel zusammen sind und dass wir Zeit haben.

 

Denn im Alltag ist es viel so, wir sind beide die ganze Zeit berufstätig gewesen, und da musste sie auch sehr sehr viel hinten anstehen. Und sie hörte ganz ganz oft: „Ich hab‘ jetzt keine Zeit.“, „Du musst das alleine machen.“, und so weiter.

 

 

Und das sehen wir jetzt als ganz großen Vorteil für sie an, dass wir mehr Zeit haben.

 

Sie muss jetzt in der Zeit natürlich ihre Freunde vermissen. Das ist für sie zwar momentan noch gar kein Thema gewesen, wird aber denke ich mal noch aufkommen, wenn sie einfach merkt, dass sie ja gar keine Spielkameraden in ihrem Alter mehr hat.

 

Aber wir hoffen, dass auch bei dem Wwofing, was wir in Spanien machen wollen, irgendwo unterkommen, wo es Kinder gibt, so dass sie da ein bisschen Kontakt hat.

 

Christin: Ja, Marius hatte mir vorhin schon von eurer Wunsch-Wwofing-Farm erzählt, die wäre ja mit zwei Kindern.

 

Julia: Ja genau, die beiden Kinder dort sind ungefähr in Lornas Alter.

 

Es sind Deutsche, die sogar geschrieben haben, sie wünschen sich, dass die Kinder auch mal von jemand anderem Deutsch hören als nur von denen.

 

Sie machen dort Ziegenkäse und da haben wir uns vorgestellt, dass die Lorna dann Ziegen hüten kann.

 

Marius: Ja, Tiere sind immer wichtig.

 

Christin: Wie haben eure Angehörigen, Verwandte, Freunde reagiert, als ihr von den Plänen erzählt habt?

 

Julia: Unsere Eltern sind beide Kummer gewohnt, was das Reisen angeht.

 

Wir waren beide sehr viel auch lang weg und wir waren auch schon einmal ein Jahr mit dem Rad unterwegs.

 

Für meine Mutter ist es jetzt besonders schlimm, weil das Enkelchen jetzt auch nicht mehr da ist – nicht nur ich, sondern auch das Enkelchen.

 

Sie machen sich natürlich schon ein Stück weit Sorgen, aber ich denke, dass sie wissen, dass wir ziemlich verantwortungsbewusst sind und uns nicht in Gefahr begeben.

 

Sie vermissen uns, aber sie kennen das, und wissen, dass wir auch immer wieder heile zurückkommen.

 

Christin: Du hattest schon gesagt, ihr habt das Geld angespart. Ihr verdient also kein Geld unterwegs oder habt Sponsoren?

 

Julia: Nein, das haben wir ganz alleine angespart.

 

Wir sind jetzt auch nicht mehr in der gesetzlichen Krankenversicherung, sondern haben nur noch eine Auslandskrankenversicherung, weil wir die Jobs gekündigt haben.

 

Also wir sind komplett jetzt auf die Ersparnisse gestellt.

 

Vielen Dank  für das Interview! Ich wünsche euch weiterhin eine gute Reise und viele tolle Erlebnisse unterwegs!

 

Wenn ihr die weitere Reise von Marius, Julia und Lorna verfolgen wollt und euch ihre Fotos anschauen möchtet, könnt ihr dies auf ihrem Blog www.sixwheels.de tun.