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Schweigen brechen: Mein Geburtsbericht [Roses Revolution Day 2017]

Das Schweigen brechen. Dies ist das Motto, das hinter dem Roses Revolution Day steht, der alljährlich am 25. November stattfindet. Um ein Zeichen zu setzen gegen die Gewalt, die viel zu viele Frauen während ihrer Geburt erleiden müssen.

Und genau dieses Schweigen will ich heute brechen und von der Geburt meines Sohnes berichten um so auf die Gewalt aufmerksam zu machen, die mir und meinem Sohn vor, während und nach der Geburt im Krankenhaus widerfahren ist.

Diesen Brief habe ich vor einem Jahr geschrieben und ihn am Roses Revolution Day an das Krankenhaus geschickt, in dem mein Sohn zur Welt kam. Und noch immer steigen mir die Tränen hoch, wenn ich ihn mir durchlese.

Viele weitere bedrückende Geburtsberichte werden auf der Facebook-Seite der Roses Revolution Deutschland veröffentlicht.

[Ich habe für die Veröffentlichung hier Namen, Daten und Nationalitäten geändert.]

23. September 2012: Der Tag, an dem ich endloses Vertrauen in meinen Körper fand

Es sollte nur ein ganz normaler Termin bei meiner Frauenärztin werden. Routinekontrolle. Sie tastete meinen Bauch ab, ließ sich noch nichts anmerken, als sie einen Ultraschall machte. Dann sah ich den kleinen weißen Fleck auf dem Bildschirm. Leise fragte sie, ohne vom Bildschirm aufzublicken: „Sagten Sie nicht, Sie nehmen die Pille?!“

Dieser Augenblick, der Beginn meines neuen Lebens, wird für immer in meinem Kopf eingebrannt sein.

Während ich noch regungs- und wortlos halbnackt und breitbeinig auf dem Frauenarztstuhl klebte, wurden mir schlagartig die Geschehnisse der letzten Wochen klar.

Wieso ich auf diversen Partys nicht einen Schluck Alkohol zu mir genommen hatte, mir schon bei dem Gedanken an einen Cocktail schlecht wurde. Wieso ich mich auf der Arbeit geweigert hatte das Büro für die neue Kollegin zu entschimmeln. Wieso ich einen Streit vom Zaun gebrochen hatte, als mir mein Freund versehentlich seine Wasserflasche gegen den Bauch schlug. Und wieso ich aus einem Gefühl heraus einen OP-Termin verschoben hatte.

Mein Körper wusste längst, dass ich schwanger war. Wie sollte er es auch nicht wissen?! Er hatte mich zuverlässig neun Wochen lang vor allem bewahrt, was dem Baby in mir hätte schaden können, bevor mein Kopf endlich verstand, was mein Bauch schon längst wusste.

Es war eine gute Schwangerschaft. Vom ersten Moment an wusste ich, dass ich meinem Körper und meiner Intuition blind vertrauen konnte. An welche Stelle ist denn auch das Bauchgefühl richtiger als bei einer Schwangerschaft?!

 

9. Mai 2013: Kein Hauch einer Wehe [ET+7]

Und mir war klar, dass auch in den nächsten Tagen keine kommen würde.

Der errechnete Geburtstermin war längst verstrichen. Laut Mutterpass der 2. Mai.

Meine Hebamme Laura schickte mich ins Krankenhaus. Nur zur Sicherheit, um zu gucken, dass noch alles in Ordnung ist. Damit sie mich die nächsten Tage weiter betreuen kann. Irgendwas versicherungstechnisches, nahm ich an.

Im Perinatalzentrum im Krankenhaus empfang mich der französische Oberarzt. Er machte einen Ultraschall und tastete den Muttermund ab. Eigentlich wollte ich nie, dass ein männlicher Arzt das tut. Es fühlte sich schrecklich falsch an, während mein Freund neben uns saß und uns zuguckte, wie ein Mann, den ich seit zwei Minuten kannte, mit seinen Fingern in mir herumstochert.

Plötzlich durchfuhr mich ein heftiger Schmerz. Was machte dieser Typ da in mir?! Ich versuchte mich zu wehren, wollte seine Finger aus mir herauswinden. Mit seiner freien Hand hielt er mein Bein fest. Er weite den Muttermund, erklärte er mir schließlich. Das löse die Wehen aus. Selbst wenn ich hätte aufspringen wollen, wäre es mir nicht möglich gewesen. Immerhin war er mittlerweile mit seiner halben Hand in mir eingeharkt. Jeden anderen Menschen hätte ich dafür wegen Vergewaltigung anzeigen können.

Endlich war die scheußliche Untersuchung vorbei. Der französische Oberarzt erklärte, dass die Plazenta und das Fruchtwasser gut aussehen. Noch. Aber das könne sich so weit nach dem errechneten Termin sehr schnell ändern. Und mein Muttermund sei auch noch kein bisschen geweitet. Er wollte möglichst schnell mit einer Einleitung beginnen. Ich wollte mich nicht einleiten lassen. Wenn doch Plazenta und Fruchtwasser noch in Ordnung waren, wusste ich nicht, wozu eine Einleitung gut sein sollte.

Der zweite Oberarzt Dr. Meyer kam hinzu und wiederholte alles. Einleitung – jetzt – sei das einzig Verantwortungsvolle, was ich tun konnte.

Ich wollte Bedenkzeit und ging nach draußen. Vor der Tür sprach ich mit zwei Hebammen aus dem Krankenhaus. Sie bestärkten mich in meinem Bauchgefühl. Wir redeten auch über den errechneten Termin. Ich erzählte, dass der Termin erst in der neunten Schwangerschaftswoche errechnet worden war und dass auch mein Zyklus vor der Schwangerschaft alles andere als bilderbuchberechnungsgynäkologisch gewesen war. Die Hebammen vermuteten, dass der Termin bestimmt nicht stimmte.

Ich ging wieder zu Dr. Meyer (der französische Oberarzt war zum Glück nicht mehr da) und teilte ihm mit, dass ich keine Einleitung wollte. Er versuchte noch krampfhaft mich zu einer Einleitung zu überreden. Immerhin hielte die Plazenta wirklich nicht mehr lange durch und überhaupt trage ich ja die Verantwortung für das Baby. Ich blieb standhaft.

Wir vereinbarten einen neuen Termin zur Kontrolle in drei Tagen. Dr. Meyer wies mich mehrmals darauf hin, dass spätestens 14 Tage nach Überschreiten des errechneten Termins das Baby per Kaiserschnitt geholt werden müsse. Und dass ich sofort kommen solle, falls ich einen Blasensprung habe. Denn auch in dem Falle müsse 24 Stunden später ein Kaiserschnitt gemacht werden. Bevor ich nach Hause gehen durfte, musste ich noch unterschreiben, dass ich eine Behandlung auf eigene Verantwortung ablehne.

Auf dem Weg nach Hause geriet ich in leichte Panik. Ich glaubte nicht, dass die Wehen in den nächsten Tagen von alleine einsetzen würden.

Die folgenden Tage versuchte ich also alles erdenklich Wehenfördernde. Diverse Wehentees, Massagen, Zimt, lange Spaziergänge, heiße Bäder – sogar Sex, obwohl es kaum etwas gab, wozu mir gerade weniger der Sinn stand. Nichts funktionierte. Mein Körper gab noch nicht einmal ein leichtes Ziepen von sich, egal was ich tat.

Ich war frustriert. Denn ich war mir sicher, mein Körper machte das Richtige. Aber die Zeit saß mir wie eine Axt im Nacken. Ich hatte höchste Panik vor einem Kaiserschnitt und wollte ihn um jeden Preis vermeiden.

 

12. Mai: Angst, Erschöpfung und immer noch keine Wehen [ET+10]

Ich sollte also wieder ins Krankenhaus zur Untersuchung bei Dr. Meyer.

In den letzten drei Tagen hatte ich nicht nur versucht Wehen zu erzwingen, sondern auch viel gelesen. Über Einleitungen, über PDA und über Kaiserschnitte. Die einhellige Meinung der Fachliteratur: Eine Einleitung führt häufiger zur Setzung einer PDA als eine normale Geburt (da durch die Einleitung besonders starke Sturmwehen hervorgerufen werden können). Eine PDA wiederum begünstige einen Kaiserschnitt (da die Geburt durch die womoglich fehlenden Pressgefühle der Mutter zu langsam voranschreiten kann).

Ich fragte Dr. Meyer nach diesen Zusammenhängen. Er widersprach. Und legte mir ganz dringlich eine Einleitung und eine PDA an Herz. Durch eine PDA könnten die Ärzte besser mit der werdenen Mutter kommunizieren und überhaupt, wieso sollte ich mir die Schmerzen antun, wenn ich sie doch einfach ausblenden lassen könne. Ich diskutierte weiter mit ihm. Ich wollte in jedem Fall einen Kaiserschnitt vermeiden. Und wenn die Gleichung Einleitung = höheres Kaiserschnittrisiko lautete, dann wollte ich keine Einleitung.

Und ich hatte Angst. Angst vor der Geburt. Angst vor dem Baby. Angst vor der ersten Zeit als Mutter. Ich war noch nicht soweit, ich brauchte noch etwas Zeit. Aber der Termin für einen Kaiserschnitt 14 Tage nach dem errechneten Termin bedrohte mich. Noch vier Tage. Und ich war mir sicher, auch in vier Tagen habe ich immer noch keine Wehen.

Dr. Meyer fand bei der Untersuchung winzige Kalkablagerung auf der Plazenta. Ich wolle doch als Mutter nur das Beste für mein Kind, drängte er mich. In vier Tagen musste ein Kaiserschnitt gemacht werden. Das Baby könnte unterversorgt sein. Ich brauchte noch Zeit. Kaiserschnitt in vier Tagen. Ich bin noch nicht bereit. Kalkablagerungen.

Ich telefonierte mit meiner Hebamme Laura. Sie sagte mir, es gehe ja schließlich nicht nur um mich. Mein Freund warte schließlich und hat nicht ewig Zeit mit mir im Krankenhaus zu sein. Die Ärzte wollten mich nicht ständig untersuchen und ihre Zeit mit mir vergeuden müssen. Ich solle mir auch mal klar machen, welchen Vorteil eine Einleitung für alle anderen habe. 

Nach langem hin und her willigte ich schließlich bedröppelt und niedergeschlagen einer Einleitung ein. Ich fuhr nach Hause um meine Sachen für das Krankenhaus zu packen – das hatte ich bisher noch nicht getan, aus Trotz und Protest, denn ich wollte ja nie dort bleiben. Da ich ambulant entbinden wollte, brauchte ich sowieso nicht viel.

Zurück im Krankenhaus bekam ich als erstes eine Kanüle gelegt. Standard, falls unter der Geburt etwas passiert, spare man sich im Notfall die Zeit.

Eine Hebamme untersuchte den Muttermund und legte die Einleitung. Ein Gel, das auf den Muttermund gespritzt wird. Es brannte höllisch und am liebsten wäre ich schreiend aufgesprungen. Stattdessen musste ich eine halbe Stunde lang ruhig liegen bleiben, damit das Gel nicht aus mir raus fließt. Währenddessen CTG. Ich wurde nochmals darauf hingewiesen, dass ich sofort Bescheid geben solle, falls ich einen Blasensprung habe, schließlich müsse dann nach 24 Stunden ein Kaiserschnitt gemacht werden.

Eine endlose Odysse begann. Eine halbe Stunde lang CTG. Eine Dreiviertelstunde lang spazierengehen im Klinikgarten zur Wehenförderung. Eine Viertelstunde lang Treppen steigen. Das Ganze wieder von Vorne. Alle sechs Stunden eine Untersuchung und eine neue Einleitung. Von morgens um 8 bis abends um 12. Ohne Ende und ohne Erfolg, drei Tage lang. Aber vor allem ohne Wehen. Im Krankenhaus war ich schon bekannt als „die, die immer läuft“. Ich fragte mich, ab wie vielen gelaufenen Kilometern ein Spaziergang eigentlich endlich wehenfördernd ist.

Noch immer nicht ein winziges Ziepen in meinem Körper. Zwischendurch griffen mehrere Hebammen zu verschiedensten Mittelchen. Bauchöl, Globuli, Wehencocktail. Nichts tat sich.

In der ersten Nacht hatte ich noch Angst, dass durch die Einleitung tatsächlich die Geburt vonstatten gehen würde. Mein Freund durfte nicht über Nacht bei mir bleiben, also blieb er heimlich bei mir. In den weiteren Nächten ging das leider nicht mehr, denn ich bekam eine Zimmernachbarin. Sie erzählte, dass in ihrem Heimatland Brasilien fast alle Frauen auf einen Kaiserschnitt bestünden. Das sei doch gar nicht so schlimm. Ich solle mich mit dem Kaiserschnitt anfreunden. Ihr Baby schrie in der Nacht. Ich fragte, ob ich ein anderes Zimmer bekommen könnte, bei einer der anderen Schwangeren ohne Baby. Das gehe nicht und sowieso bekomme ich ja jeden Moment mein Kind.

Mittags und abends bekam ich nie das richtige Essen. Den Speiseplanfragebogen hätte ich dafür am Freitag ausfüllen müssen. Ich war aber erst seit Samstag im Krankenhaus. Erst am Montag gehe das wieder.

Ich war endlos erschöpft. Die schlaflosen Nächte mit Babygeschrei, die Krankenhausessensplörre mit Salamifrischkäse und Hühnerbrühe im Vegetariermenü, die Einleitungen, die Untersuchungen und das viele Laufen bis tief in die Nacht.

Wieso hatte ich eigentlich aufrgehört, auf meinen Körper zu hören? Sollte das Urvertrauen, dass ich während der Schwangerschaft in meinen Körper entwickelt hatte, nicht seine Perfektion bei der Geburt entfalten? Sollte ich für eine Geburt nicht fit, ausgeschlafen und ausreichend ernährt sein? Scheißegal, hauptsache kein Kaiserschnitt in vier, drei, zwei, einem Tag.

Zwischendurch bekam ich einen Blasensprung ohne Wehen. Ich sagte nichts. Alle Ärzte und Hebammen, die mich in den nächsten Tagen fragten, ob ich mittlerweile einen Blasensprung gehabt hätte, log ich an. Meinem Baby ging es gut, das merkte ich doch. Es wird keine Wehen in den nächsten 24 Stunden geben, auch das merkte ich. Fruchtwasser erneuert sich. Hauptsache kein Kaiserschnitt!

 

16. Mai: Der Geburtstag [ET+14]

Der schreckliche Tag, vor dem ich eine Woche lang panische Angst hatte, war gekommen.

In der Nacht zuvor hatte ich um 23.30 Uhr eine weitere Einleitung bekommen. Das hieß, erneute Untersuchung um 5.30 Uhr. Eine Hebamme weckte und untersuchte mich. Der Muttermund sei noch immer verschlossen, die Wehen zu unregelmäßig und zu schwach. Mein Unterleib tat weh, aber das waren keine Wehen. Die Schmerzen kamen wohl eher von den ständigen Einleitungen und Untersuchungen. Sie teilte mir mit, dass Dr. Meyer um 9 den OP für mich vorbereiten würde.

Eine Ewigkeit saß ich verzweifelt weinend auf dem Sofa vor dem Kreißsaal und überlegte, ob ich nicht lieber heimlich abhauen und mein Kind alleine im Wald zur Welt bringen sollte, als Kerstins Schicht begann. Ich mochte Kerstin. Sie hatte mich während der letzten Tage stets gut betreut und mir dabei mit ihrer Fröhlichkeit immer wieder ein Lächeln auf die Lippen gezaubert. Als ich ihr erzählte, dass ein Kaiserschnitt gemacht werden solle, wurde sie plötzlich ganz wehement: „Nein, du wirst kein Kaiserschnitt! Das verhindere ich! Du hast dich doch die letzten Tage nicht umsonst gequält!“

Nun war ihr jedes Mittelchen Recht. Zunächst wollte sie meine Fruchtblase aufstechen. Als ihr auffiel, dass ich bereits einen Blasensprung hatte, wollte sie mich an den Wehentropf anschließen. Kerstin verlangte, dass ich mir vorher eine PDA legen lasse, obwohl ich das eigentlich nie wollte. (Bereits bei einem vorherigen Gespräch mit Dr. Meyer wurde mir allerdings klar, dass ich in diesem Krankenhaus um eine PDA wohl nicht herumkommen würde, als wir eine Frau unter der Geburt kreischen hörten und er mir sagte: „DAS ist Geburtshilfe ohne Schmerzmittel. DAS WOLLEN SIE DOCH NICHT ERNSTHAFT?!“) Ich ergab mich, denn ich hatte einfach keine Kraft mehr um weiter zu diskutieren. Ich ließ mir also die PDA legen und sollte eine halbe Stunde warten, bis die PDA wirkte.

Etwas später kam Kerstin wieder und untersuchte mich erneut, bevor sie mir den Wehentropf geben wollte. Auf einmal war mein Muttermund geweitet, 8 cm. Wie das passieren konnte, wusste niemand, denn das CTG zeigte weiterhin kaum Wehen an und ich hatte auch keine gemerkt. Aber egal, die OP wurde erstmal abgesagt, nun hieß es warten, ob eine natürliche Geburt doch noch vonstatten gehen kann. Ich war erleichtert, aber irgendwie zu betäubt, um mich darüber freuen zu können.

Als der Muttermund schließlich weit genug geöffnet war, ging die Geburt los. Mein Sohn bekam zwei Elektroden an seinen Kopf angeschlossen, die seine Herztöne überwachen sollten. Zusätzlich war ich an das CTG und einen Tropf für Antibiotika wegen des Blasensprungs angeschlossen. Kerstin sagte mir, ich solle mich auf den Rücken legen. Ich fragte sie wieso, immerhin hatte ich im Geburtsvorbereitungskurs nicht nur einmal gehört, dass dies die schlechteste Gebärposition ist, da die Frau dabei gegen die Schwerkraft anpressen muss. Ich wollte lieber in den Vierfüßlerstand oder auf den Geburtshocker gehen. Kerstin sagte mir, das geht nicht, sie muss sehen was passiert und das CTG darf nicht verrutschen.

Die Austreibungsphase dauerte sehr lang. Zwischen den Wehen holte Kerstin weitere Hebammen dazu. „Kristellern!“, rief sie, und noch bevor ich mich wundern konnte, was das hieß, sprangen zwei Hebammen von beiden Seiten auf meinen Brustkorb. Ohne die PDA hätte dies wahrscheinlich extrem wehgetan. So bekam ich nur kaum Luft und war einfach geschockt, was da gerade passiert ist.

Mein Sohn war da und wurde mir auf mein T-Shirt gelegt (von Bonding las ich erst Jahre später). Kerstin gratulierte kurz und düste los, ihre Schicht war schon seit 10 Minuten vorüber.

Mein Baby schaute mich an wie ein Alien. Sollte ich jetzt nicht glücklich sein? Ich war müde und wusste nicht, was ich mit diesem Kind anfangen sollte. Ich sollte ihn stillen, aber er glotze mich einfach nur weiter kritisch an und sah mit seinen Stirnfalten aus wie ein 80-Jähriger. Ich guckte kritisch zurück und war heilfroh, als der Papa gefragt wurde, ob er ihn auch mal nehmen wolle.

Nach der Geburt hatte ich extrem viel Blut verloren. Allein in den ersten Minuten wechselte die Hebamme dreimal die Unterlage vom Bett, obwohl ich gleich mehrere Einlagen bekommen hatte. Ich wurde schließlich auf Toilette geschickt. Im Badezimmer fiel ich fast in Ohnmacht. Im Nebenzimmer hörte ich die Hebammen diskutieren, ob mein Blutverlust zu kritisch sei. Mir sagten sie nichts.

Das Mittagessen, das mir mein Freund kurz vor der Geburt in den Kreißsaal gestellt hatte, hatte schon wieder jemand weggeräumt, bevor ich es nach der Geburt anrühren konnte.

Ich wollte einfach nur nach Hause. Aber ich durfte nicht, denn bei meinem Sohn mussten noch mehrere Tage die Blutwerte überprüft werden, aufgrund des unbemerkten Blasensprungs.

Ich fühle mich gedemütigt und als hätte ich versagt. Mein Körper hat tagelang mit aller Kraft gegen die Einleitungen gekämpft, was mich an den Rande der Erschöpfung getrieben hat. Ein Körper, der sich so entscheide gegen Wehen wehrt, ist einfach noch nicht bereit für eine Geburt. Und schließlich musste er – ich – sich dem Klinikpersonal doch unterwerfen. Dabei glaube ich, hätten Sie mir mehr Zeit gegeben und mir die Ängste genommen, hätte die Geburt auch ohne Einleitung vonstatten gehen können.

 

17. Mai: Der Tag danach

In der Nacht wurde das Baby ins Säuglingszimmer gebracht. Kurze Zeit später weckte mich eine Schwester und brachte mir das Baby zum Stillen. Es war wach, aber ruhig. Ich ärgerte mich, dass ich dafür geweckt wurde. Hätte mein Sohn neben mir gelegen, würde ich immer noch schlafen. Ich versuchte ihn zu stillen, er schrie. Schließlich fing er an zu nuckeln. Ich schrie, denn es tat höllisch weh. Er schrie wieder und beruhigte sich nicht mehr. Egal was ich tat, er schrie immer weiter. Verzweifelt rief ich nach einer Schwester. Sie kam, nahm ihn auf den Arm und er war ruhig. Ich stillte ihn wieder, es tat höllisch weh. Neben mir saß meine Zimmernachbarin und gab ihrer Tochter ein Fläschchen. Sie sah so tiefenentspannt aus. Ich durchlitt beim Stillen die Schmerzen meines Lebens (und das wohlgemerkt nach einer Geburt). Heulend fragte ich am Schwesternzimmer nach einem Fläschchen für meinen Sohn.

Am Morgen wurde ich wieder von einer Schwester geweckt. Ich sollte nun meinen Sohn baden und anziehen. Die ganze Zeit über musste ich im Säuglingszimmer aufpassen, dass ich nicht vor Erschöpfung in Ohnmacht fiel. Ich sollte mit in die Kinderklinik kommen zum Hörtest. Die Kinderklinik liegt am anderen Ende des Krankenhauses, ich musste das Babybettchen als Rollator benutzen. Als wir wieder zurück waren, stand schon die Babyfotografin bereit. Das Fotoshooting dauerte eine halbe Stunde. Die ganze Zeit über fragte ich mich, wozu ich Fotos von diesem glotzenden Kind brauchte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich sie mir jemals glücklich angucken würde. Ich war zutiefst neidisch auf alle anderen Mütter mit ihren süßen Babys. Nach dem Fotoshooting kamen Dr. Meyer und der französische Oberarzt zur Visite. Im nahtlosen Übergang kam eine Physiotherapeutin und zeigte mir erste Rückbildungsübungen. Direkt im Anschluss kam eine Schwester, die mir Blut abnehmen wollte. Es war mittlerweile 10 vor 10, um 10 schloss das Frühstücksbuffett und ich hatte seit gestern Morgen kaum etwas gegessen. Ich maulte die Schwester an, dass ich jetzt essen gehe und sie mich in Ruhe lassen soll.

Das Frühstücksbuffet lag am anderen Ende des Ganges. Für die 50 m brauchte ich etwa 9,5 Minuten. Ich konnte meinen Rücken nicht gerade machen, mein gesamter Oberkörper tat höllisch weh. Meine Brüste brannten wie Feuer vom Stillen. Bei jeder kleinsten Bewegung meiner Beine schwappte mir gefühlt ein Liter Blut in die Hose. Das Blut stank widerwärtig. So einen ekelhaften Gestank hatte ich vorher noch nie erlebt, es war nicht der normale Blutgeruch. Jedes Mal auf der Toilette musste ich mich beinahe übergeben. Der Gestank blieb noch weitere zwei Wochen und war immer um mich herum.

Nachdem meine Entlassung nochmals um einen Tag verschoben wurde, durfte ich drei Tage nach der Entbindung endlich nach Hause gehen. Aus der geplanten ambulanten Geburt wurde die schlimmste Woche meines Lebens, geprägt von Angst und Erschöpfung.

Ich bin zutiefst traurig um eine schöne Geburtserfahrung, die mir und meinem Sohn unwiderruflich genommen wurde. Darüber, dass medizinisches Procedere, Durchschnittswerte und errechnete Termine über mein Körpergefühl gestellt wurden. Über den schlimmen Start, den mein Sohn und ich zusammen hatten.

 

2,5 Jahre später in einem anderen Krankenhaus in einer anderen Stadt

Zwei Tage nach dem errechneten Termin kam ich mit Blasensprung und Panik an. Immerhin MUSS in 24 Stunden ein Kaiserschnitt gemacht werden, das wusste ich ja noch von der ersten Geburt. Die Hebamme beruhigte mich sofort. „Wir leiten nach 12 Stunden ein und lassen Ihrem Körper die Zeit, die er braucht.“

Die Einleitung erfolgte mit Tabletten, ich wurde nur sehr selten vaginal untersucht. Zwei Tage später waren die Wehen stark genug (ein wehenfördernder Spaziergang kann übrigens auch aus lediglich drei Schritten bestehen), die Geburt ging los. Die Hebamme war sanft und freundlich und ließ mich selbst entscheiden. Sie war nur zur Unterstützung da. Die Geburt war gut, trotz der Schmerzen ohne PDA. Niemand sprang auf mich drauf. Meine Tochter lag auf meiner nackten Brust und nuckelte, ohne dass mir das Stillen wehtat. Auch der restliche Körper tat mir nicht weh. Ich blutete lächerlich wenig und es roch ganz normal nach Blut. Nach der Geburt ging ich nach Hause.

Erst jetzt verstehe ich, wieso Frauen Hausgeburten machen. Geburten können schön sein, und man muss den Ort, an dem man sein Kind zur Welt bringt, nicht hassen. Man kann ihn sogar mögen. Und er muss noch nicht mal stinken dabei.

Erst jetzt verstehe ich, wie eine Geburt sein kann. Und welche Auswirkungen die Geburt auf die Beziehung zu meinem Kind hat. Bei meiner Tochter war es Liebe auf den ersten Blick. Mein Sohn und ich gucken uns immer noch gelegentlich  kritisch an.

Erst jetzt verstehe ich, wie sehr uns beide seine Geburt noch immer belastet.

Titelfoto: Pixabay | 5776588

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